12.7.05 – Französischer Nobelpreisträger ist tot

Französischer Nobelpreisträger ist tot
Claude Simon verstarb bereits am Mittwoch im Alter von 91 Jahren

BERLIN Wie erst jetzt bekannt wurde, ist der französische Schriftsteller Claude Simon am vergangenen Mittwoch im Alter von 91 Jahren in Paris gestorben. Der Literaturnobelpreisträger wurde mit dem Roman „Die Straße in Flandern“ (1960) weltberühmt.

Literarisches Werk

Claude Simon galt als Hauptvertreter der Gattung des „Nouveau Roman“. Eine, zu Beginn der 50er Jahre von Kritiker Roland Barthes so benannte, Richtung der französischen Literatur, die Alain Robbe-Grillet dann zum literarischen Markennamen prägte. Seinen Werken fehlt oft eine chronologische Handlung, lange Passagen bestehen aus inneren Monologen und Beschreibungen. Simons Bilder- und Sprachenwelt ist voller Klarheit, Schärfe und Überfülle. Der Autor wollte seinen Romanen nicht mehr die Rolle geben „etwas zu erklären, sondern zu zeigen“ und „nichts auszudrücken, sondern zu entdecken“. In ihnen sind Erinnerungen und Visionen miteinander verwoben.

Dabei kehrte der Autor sich radikal ab von traditioneller Handlung, einem Helden, erklärender Psychologie und chronologischer Zeitfolge. Anders als die klassischen Romanschriftsteller erzählte Simon keine herkömmliche Geschichte mehr. Der Text setzte sich in seinen Büchern zusammen aus verschiedenen Strängen, die von Abschnitt zu Abschnitt wechselnd thematisch oft wenig miteinander zu tun zu haben schienen und auch keine zeitliche Ordnung aufwiesen und dennoch durch ein dichtes Beziehungsgeflecht miteinander verbunden waren.

Eigentlich sollte Simon Ingenieur werden, aber ihn zog es zur Malerei. Sein Lehrer war der Kubist André Lhote, sein damaliger Lieblingsautor Marcel Proust. „Le Tricheur“ („Der Falschspieler“) erschien 1945. Zwei Jahre später veröffentlichte er „La corde raide“ („Das Seil“) und 1960 sein wohl bekanntestes Buch „La route des Flandres“ („Die Straße in Flandern“), das von der militärischen Niederlage Frankreichs 1940 handelt. Immer wieder geht es darin um Tod und Zerfall, denen nur die Kraft der Erinnerung und der Imagination etwas entgegensetzen kann. Die ersten Veröffentlichungen blieben unbeachtet. 1956 lernte er Alain Robbe-Grillet kennen, der für den Verlag Editions de Minuit arbeitete und ihm vorschlug, dort zu veröffentlichen. Der Verlag war die Keimzelle einer literarischen Bewegung, die dann als „Nouveau Roman“ bekannt wurde. In der Folgezeit stieg seine Bekanntheit und sein künstlerische Anerkennung, seine Texte wurden nun auch in andere Sprachen übersetzt.

Simon war bekannt für seine Zurückhaltung. „Ein Schriftsteller schreitet auf Flugsand“, bekannte er einmal. Als sein Hauptwerk gilt „Histoire“ (1967, „Geschichte“), die Beschreibung eines ganz gewöhnlichen Tages eines jungen Mannes. Der 1989 veröffentlichte, stark autobiografische Roman „L’Acacia“ („Die Akazie“) gilt als ein Meisterwerk der Antikriegsliteratur. Er beschreibt eine Reise mit Mutter und Tante durch das verwüstete Frankreich des Jahres 1918 auf der Suche nach dem Grab des gefallenen Vaters. Im Frühjahr 2002 kam sein Roman „Die Trambahn“ auf den deutschen Markt. Das Buch führt in eine Kindheit im frühen 20. Jahrhundert, nach Perpignan. Eine einfache Fahrt durch Perpignan wird zu einer Allegorie des Lebenswegs zwischen Entbindungsstation und Leichenhaus.

Biographisches

Der Schriftsteller mit den stahlblauen Augen wurde in Tananarive auf Madagaskar als Sohn eines französischen Berufsoffiziers geboren. Als er noch nicht einmal ein Jahr alt war, starb sein Vater, mit elf Jahren verlor er auch die Mutter. Als Vollwaise wuchs er bei Verwandten im südfranzösischen Perpignan auf. Sein Vormund ließ ihn das Collège Stanislas und das Lycée Saint-Louis in Paris besuchen. Nach seinem Studium an der Sorbonne, in Oxford und Cambridge wandte Claude Simon sich zunächst der Malerei zu und arbeitete im Atelier André Lhote.

1934/35 leistete er Militärdienst bei der Kavallerie. Nach seiner Entlassung vom Militär erhielt er durch einen Freund einen Mitgliedsausweis der Kommunistischen Partei Frankreichs. 1936 hielt er sich in Spanien auf und kämpfte zwei Wochen auf der Seite der Republikaner. Danach gehörte er in Frankreich zu einer Gruppe, die einen Waffentransport als Nachschub für die Republikaner organisierte. Im Jahr darauf machte er eine große Europareise durch Berlin, Warschau, die Sowjetunion, Istanbul, Griechenland und Norditalien. Er unternahm erste, von ihm als unbedeutend eingestufte literarische Versuche.

1939 wurde Simon zur Kavallerie eingezogen. Während des Zweiten Weltkriegs kämpfte er in Belgien gegen die Deutschen. Die Deutschen rieben sein Schwadron im Mai 1940 bei den Kämpfen an der Maas bis auf ihn und einen seiner Kameraden vollständig auf. Dem Soldatentod nur knapp entgangen, geriet Claude Simon in deutsche Gefangenschaft und wurde in ein Kriegsgefangenenlager nach Mühlberg an der Elbe deportiert. Im Herbst 1940 gelang es ihm, nach Perpignan zu fliehen. Als die Behörden der Vichy-Regierung auf ihn aufmerksam wurden, begab Simon sich 1944 nach Paris, um einer Verhaftung zu entgehen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte er seine schriftstellerische Arbeit fort, in der er diese traumatischen Erlebnisse, beispielsweise in seinem Roman „Die Straße in Flandern“, verarbeitete. Simon, der lange Schaffenspausen einlegte, lebte abwechselnd in Südfrankreich und inkognito in Paris in der Nähe des botanischen Gartens „Jardin des Plantes“. In Perpignan verbrachte der Autor zeitlebens die Sommer- und Herbstmonate als Winzer.

„Ich bin ein alter Mann, und mein Leben war reich“, konstatierte er viele Jahre vor seinem Tod. In seinen Memoiren „Jardin des Plantes“ (1997) schreibt der Autor autobiographisch weiter: „Ich befand mich im Auge des Zyklons“.

Auszeichnungen

1961 erhielt Claude Simon für „La Route des Flandres“ den Preis der Zeitschrift „L’Express“. Für seine „Geschichte“ („Histoire“), die einen gewöhnlichen Tag im Leben eines jungen Mannes erzählt, wurde er 1967 mit dem französischen Avantgarde-Preis „Medicis“ ausgezeichnet. Die Schwedische Akademie, die Simon 1985 den Nobelpreis für Literatur verlieh, würdigte ihn als einen Künstler, der „in seinen Romanen das Schaffen eines Dichters und Malers mit vertieftem Zeitbewusstsein vereint in der Schilderung menschlicher Grundbedingungen“.

Werkauswahl

„Le vent. Tentative de restitution d ‚un rétable baroque“ Roman 1957 (dt.: „Der Wind. Versuch der Wiederherstellung eines barocken Altarbildes“ 1959)

„La Route des Flandres“ Roman 1959 (dt.: „Die Straße in Flandern“ 1960)

„Le Palace“ Roman 1962 (dt.: „Der Palast“ 1966)

„Histoire“ Roman 1967 (dt.: „Geschichte“)

„La Bataille de Pharsale“ Roman 1969 (dt.: „Die Schlacht bei Pharsalos“ 1972)

„Les Corps conducteurs“ Roman 1971 (dt.: „Der Leitkörper“ 1974)

„Triptyque“ Roman 1973 (dt.: „Triptychon“ 1973)

„Leçon de choses“ Roman 1974 (dt.: „Anschauungsunterricht“ 1986)

„Les Géorgiques“ Roman 1981 (dt.: „Georgica“ 1981)

„L’Acacia“ Roman 1989 (dt.: „Die Akazie“ 1989)

„Le Jardin des Plantes“ Roman 1997 (dt.: „Jardin des Plantes“ 1998)

„Le Tramway“ Erzählung 2001 (dt.: „Die Trambahn“ 2002)

(Franziska Brückner / Holger Böthling)